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Materialien: Schmiedeeisen

Im Rahmen des laufenden Forschungsprojekts untersuchte MMag. Marlene Sprenger-Kranz, Objektrestauratorin der Tiroler Landesmuseen, in den vergangenen Monaten die schmiedeeisernen Elemente am Altar von Schloss Tirol. Dabei ging es im Wesentlichen darum festzustellen, welche Teile ursprünglich sind bzw. welche möglicherweise spätere Ergänzungen darstellen. Naturwissenschaftliche Methoden fanden hierbei keine Anwendung. Es bestünde zwar die Möglichkeit der Anwendung der Radiokarbonmethode bei Schmiedeeisen, das vor dem 18. Jahrhundert hergestellt wurde. Diese ist jedoch durch nicht auszuschließende Kontaminierung der Probe mit Altbestand für die Herstellung des Werkstückes sehr fehleranfällig [1]. Um die Analysengenauigkeit zu verbessern müssten zudem größere Proben entnommen werden, wodurch das Objekt Schaden nehmen würde. Eine kunsthistorische, zeitliche Einordnung anhand der verwendeten Ornamente gibt in diesem Fall ebenfalls keinen Aufschluss, da diese – wie nachfolgend erläutert wird – auf einer späteren Ergänzung angewendet wurden. Die schmiedetechnischen Details hingegen geben Hinweise darauf, aus welcher Zeit diese Teile des Altar Tirols mit hoher Wahrscheinlichkeit stammen könnten. Die zeitliche Einordnung konnte mit Hilfe des erfahrenen Schmieds Mag. Walfrid Huber [2] vorgenommen werden.

Der Altar von Schloss Tirol weist drei Gruppen an schmiedeeisernen Elementen auf: das Retabelgitter mit einem Kastenschloss auf der Innenseite, der zweite Verschlussmechanismus des Retabelgitters auf der Rückseite des Altars und die Bänder.

Das Retabelgitter (Abb. 1) besteht aus zwei schmiedeeisernen Flügeln mit Blattornamenten auf der Deckleiste in der Mitte. Die sehr dichte Füllung zeigt das beliebte Rautengitter. Auf den ersten Blick ist ein für die Gotik typisches Durchsteckgitter zu erkennen, bringt aber eine ganz andere Lösung als die üblichen gelochten Stäbe, die hier in kleine Elemente aufgelöst wurden. Die Lochungen wurden als selbstständige Form verstanden, als kleine viereckige Gehäuse einzeln gefertigt und mit Distanzstücken wieder zu einem ganzen Stab gereiht und mit Kupfer verlötet (Abb. 2 bis 4). Dazu wurden zarte Flacheisen mit Übermaß zu Vierecken gebogen und über einem Stahlkern, etwas stärker als die  Gitterstäbe, scharfkantig geschmiedet. Die Zwischenstücke wurden über Eck eingefeilt, an die Vierecke angepasst und damit verklammert. Eine Spannvorrichtung wird notwendig gewesen sein, die kleinteilige Reihe beim Verlöten stabil zu halten. Kleine Unsauberkeiten können mit der Feile korrigiert werden, gröbere Fehler sind durch Sorgfalt zu vermeiden. Die Enden der Stäbe müssen für die Verbindung mit den Rahmen flach geschmiedet werden, wobei von zwei aufeinander treffenden Stäben nur der obere vernietet, der untere einfach mit eingeklemmt wurde, was eine wesentliche Erleichterung bedeutet. Sobald die Rahmen fertig und die Stäbe ineinander geschoben sind, werden sie vernietet und ausgefertigt. Besondere Sorgfalt wurde auf die Beschläge verwendet. Präzise gearbeitete Bänder sind die Voraussetzung für eine gute Führung beim Öffnen der breiten Gitter.

Die hier angewandte Technik ist aufwendig und im Vergleich zur traditionellen Schmiedearbeit kein Fortschritt. Lediglich der Wunsch nach Präzision führte auf diesen Weg, vielleicht auch die Absicht, eine zum durchlaufenden Stab parallele Kante zu erhalten, die eine besondere Wirkung erreicht. Die Entwicklung zwingt zur Perfektion. Das wohl aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammende Gitter dokumentiert diesen Wandel.

Die Bandkloben mit den Kegeln sind im Holzkörper innen sehr grob verschraubt (späterer Eingriff) und nicht darin versenkt und überfasst. Das Kastenschloss in Wappenform auf der Innenseite des rechten Flügels kann mit einem Rohrschlüssel geöffnet werden. Der rechte Flügel hat zudem auf der Innenseite einen Bügel mit einem Langloch, der im Inneren über eine im Holzkorpus fixierte Öse gezogen wird. Somit wird das gewaltsame Aufziehen der Flügeltüre in der Mitte verhindert und ein Öffnen erst nach dem Entriegeln des Schlosses auf der Rückseite des Altars möglich.

Auf der Rückseite ist eine Überarbeitung des zweiten Schließmechanismus‘ anzunehmen (Abb. 5). Ein Loch im Holzkorpus lässt auf ein mittlerweile fehlendes, schmiedeeisernes Teil schließen. Zudem ist das bestehende Schmiedeeisen unterschiedlich genau ausgeführt. Auf dem Korpus ist ein Kastenschloss für einen Rohrschlüssel vernietet. Oberhalb davon ist eine Führung, in der ein Riegel in eine fixierte Öse in der Tür geschoben werden kann. Wenn der Riegel geschlossen wird, kann man einen daran fixierten Stift im Kastenschloss arretieren, sodass die Tür nicht mehr geöffnet werden kann. Links vom Kastenschloss sind oberhalb und unterhalb funktionslose Ösen. Möglicherweise war ursprünglich ein anderer Verschluss mit einem Querriegel über das gesamte Türchen in Verwendung. Die Öse auf der rechten unteren Seite des Korpus ist von der Art her ursprünglich.

Sämtliche Bänder bei den Außen- und Innenflügeln (Abb. 6) und dem Türchen auf der Rückseite sind mit hoher Wahrscheinlichkeit original. Anhand der Röntgenbilder ist ersichtlich, dass die Bänder der äußeren Flügel tief in die Türen hineinlangen und die Überlänge abgemeißelt wurde. Die Bänder wurden über einen Kern gebogen und am Ende nicht verschweißt. Die Kegeldorne der Flügeltüren sind nicht zu den Bändern ursprünglich zugehörig, da sie zu klein dimensioniert sind und nicht genau passen. Bei den inneren Türen ist der Bandkloben im Korpus zum Stift ausgeschmiedet und bei den Flügeln ist das Band rund geschmiedet und zu einer Öse gebogen. Alle diese Bandelemente sind von ihrer Dimensionierung und Ausführung sehr stimmig und harmonieren.

 

[1] Scharf, Andreas: Datenanalyse und Qualitätssicherung der 14C-AMS Messungen am Erlanger Tandembeschleuniger und Erweiterung des Sortiments 14C-datierbarer Probenmaterialien, Diss., Universität Nürnberg 2007 (online verfügbar: https://opus4.kobv.de/opus4-fau/files/472/AndreasScharfDissertation.pdf, Zugriff 13.12.2017)

[2] 1942 geboren, Ausbildung zum Schmied, langjährige Praxis in Betrieben, im Anschluss Matura und Studium der Bildhauerei an der Universität für angewandte Kunst; seit 1975 selbstständig tätig in Bad Pirawarth, Niederösterreich; intensive Auseinandersetzung mit historischen Arbeitsweisen und ihrer formgebenden Wirkung; Begründer der Kurse „Eisenarbeiten in der Denkmalpflege“ im Weiterbildungszentrum Mauerbach im Auftrag des österreichischen Bundesdenkmalamtes und der österreichischen Bundesinnung der Schmiede; zudem Zusammenarbeit mit der ungarischen Schmiedeinnung.